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Fachtagung Pfadfinden

(Bild: Pfadfinderhilfsfond)

(Bild: Pfadfinderhilfsfond)

Für viele Teilnehmende war das letzte Aprilwochenende 2018 in der Akademie „Die Wolfsburg“ in Mülheim an der Ruhr ein Ort um Altbekannte zu treffen, aber auch um neue Menschen kennenzulernen, die an der wissenschaftlichen Auseinandersetzung mit dem Pfadfindertum interessiert sind.

Aus der Sicht eines Teilnehmers war das Treffen neben Vorträgen und Workshops ein bereichernder Austausch über Generationengrenzen hinweg. Gerade in Kaffee- und Essenspausen oder in den abendlichen Runden entzündeten sich interessante Gespräche zwischen Mittzwanzigern und Mittsechzigern und allen Altersklassen dazwischen. Man konnte gemeinsam über ein Projekt von Rovern im Dschungel von Calais oder über die Konzeption und Nutzung des Kiplingschen Dschungelbuches diskutieren. Man konnte aber auch in die jeweiligen Arbeitsformen einsteigen, war diese Tagung doch für viele Pfadfinderteilnehmer*innen die erste Gelegenheit, völlig zwanglos über alle Verbandsgrenzen hinweg tiefer ins Gespräch zu kommen. Also gefühlt, auf jeden Fall ein Beitrag zur Einheit der Pfadfinder in Deutschland.

Dass solch tiefgehenden Gespräche auf dieser Fachtagung zustande kamen, ist sicherlich auch den starken Vorträgen zu verdanken, die schon am Freitag z.B. mit der Diskussion über kulturelle Lebenswelten Jugendlicher begannen. Am Samstag ging es direkt weiter mit lebhaften Reflektieren eigener Praktiken. Sven Kluges Ausführungen über die imperialistische Vergangenheit des Autors des Dschungelbuches, sowie die praktische Umsetzung in den aktiven Gruppen, mündeten in einer gegenseitigen Darstellung der Ergebnisse im Plenum. Die Sonntagsruhe wurde geplant gestört durch einen historischen Diskurs „Lernmomentum“. Weiter war der letzte Tag geprägt durch die Workshops in der die Stufenpädagogik und dem Themenschwerpunkt Frauen bei den Pfadfindern. Beendet wurde die Fachtagung mit einer weiblichen Talkrunde der Generationen, in der Pfadfinderinnen-Generationen von 19 bis 90 Jahre vertreten waren und Pfadfindergeschichte in Deutschland plastisch erlebbar machten.

Wissenschaftlich ist die Fachtagung nicht zu Ende, Fragezeichen bleiben bestehen. Hier spielt natürlich auch die Kommunikation eine Rolle, schließlich sind nicht alle Pfadfinder*innen wissenschaftliches Arbeiten und Sprechen gewöhnt, wohingegen nicht alle Vortragenden die Sprache der Pfadfinder sprechen. Ein Teilnehmer meint dazu: „…aber solche Fachtagungen dürfen keine Oberseminare sein, bei denen sehr gezielt auf ein Publikations-Ergebnis hin geachtet wird. Man muss sich auf 2 Darstellungsebenen, Sprachebenen einstellen: eine lockere, einfache, höchstens wissenschaftsjournalistische Sprach- und Darstellungsform und erst dahinter auf eine streng wissenschaftliche Manuskriptform für eventuelle Publikationen….“

Auch Ort und Form ist immer wieder ein Gegenstand sehr unterschiedlicher Meinungen. Von „unpfadfinderisch komfortabel“ und steril bis „angenehme und professionelle Tagungsumgebung“ reichen die Meinungen – beschwert hat sich allerdings niemand!

Die Fachtagung als solche muss sich bei jedem Durchgang neu erfinden. Sie muss gezielt die wissenschaftliche Praxis beibehalten und sich dennoch in alle Richtungen offen und verständlich zeigen. Der Pfadfinder Hilfsond als initiativ tätiger Träger wird gemeinsam mit der Kooperation die Fachtagung versuchen weiter voranzubringen. 

An dieser Stelle ist es wohl angebracht, den wissenschaftlichen Leitern Prof. Breyvogel und Prof. Bremer und dem Team Fachtagung unter der Leitung von Martin Lochter zu danken, die diese diversen Ansprüche austarieren mussten und wieder eine interessante Tagung geshaffen haben. Es bleibt zu wünschen, dass bei dem anstehenden Neuaufbau beider Teams Menschen gefunden werden, denen es Freude macht, aus dem Potential der weiterhin offenen Fragestellungen und nicht zu Ende geführten Diskussion neue Themen zu generieren, Referenten zu motivieren und in zwei Jahren wieder 80 oder mehr Interessierte und 20 Referenten zu einem bereichernden Wochenende zusammenkommen zu lassen.

Gespannt sind wir auf den aus der Tagung entstehenden inzwischen fünften wissenschaftlichen Fachband, den jeder Teilnehmer kostenlos zugeschickt bekommen wird.

(Text: Jörg Krautmacher)

Die Fachtagung wurde auch durch die Unterstützung der Evangelischen Stiftung Pfadfinden ermöglicht.